Die Broteinheit ist kein deutscher Exportschlager

Als ich Freunden von meiner Diagnose erzählte, kamen wir schnell auf die Berechnung von Kohlenhydraten zu sprechen, denn es handelt sich um ein zentrales Element im Umgang mit meiner Erkrankung. Vielen ist dabei die Einheit „BE“ ein Begriff. Manche wissen, dass es sich um Broteinheiten handelt und man damit den Insulinbedarf bestimmt. Aber auf eine Frage hatte auch ich keine Antwort: Ist die Broteinheit ein deutsches Phänomen und stellen andere Nationalitäten und Kulturen ein anderes Lebensmittel in den Mittelpunkt ihrer Berechnungen?

Klar ist, dass Deutschland eine Brotnation ist. In keinem anderen Land auf der Welt gibt es mehr Brotsorten. Das Brotregister des deutschen Brotinstituts kennt mehr als 3.000 unterschiedliche Rezepturen. Ein Grund dafür ist die geografische Lage von Deutschland. Im Norden wird eher Roggen, im Südosten Weizen und im Südwesten Dinkel angebaut. Am Brotkonsum konnte man sogar Klassenunterschiede erkennen. Adelige aßen Weizenbrot, das gemeine Volk gab sich mit Vollkornbroten zufrieden. Es gibt vieles, was man über Brot vor allem in Deutschland erfahren kann. Nicht umsonst steht auch das europäische Brotmuseum im deutschen Göttingen. Aber ob hier auch die Frage nach dem Ursprung und Erfolg der Broteinheit geklärt wird? Vielleicht muss ich dem Museum einmal einen Besuch abstatten.

Die Broteinheit ist tatsächlich eine Einheit, die nur im deutschsprachigen Raum verwendet wird. Eine dünne Scheibe Weißbrot von 25g bestimmt die Ursprungseinheit von einer BE. Sie enthält 12g Kohlenhydrate. In Österreich war man mit diesem Wert einverstanden. Die Schweizer waren etwas schlauer und schnitten ihr Brot dünner. So hat der schweizer Brotwert (1 BW) 10g Kohlenhydrate und es war einfacher im Kopf die Einheiten zu berechnen. Kennt man die Kohlenhydratmenge des Essens, muss man einfach durch 10 teilen und ermittelt so den Brotwert oder die Kohlenhydrateinheit (KE), die international gängiger ist.

Mit dem berechneten Standardwert kann dann jeder Diabetiker seinen persönlichen Insulinbedarf berechnen. Dazu gibt es den sogenannten KE- (oder eben BE-) Faktor. Dieser kann zu unterschiedlichen Tageszeiten unterschiedlich ausfallen. Meine Faktoren sind aktuell:

  • Morgens: 0,75
  • Mittags: 0,3
  • Abends: 0,3
  • Süße Snacks zwischendurch: 0,5

Wenn ich also morgens ein Vollkorncroissant (4 KE) esse, dann muss ich 3 (0,75*4) Insulineinheiten spritzen. Esse ich das gleiche Croissant am Abend, reicht vermutlich eine Insulineinheit (0,3*4=1,2 IE).

Wer sich jetzt fragt, warum man überhaupt durch 10 teilt und nicht die reinen Kohlenhydratanteile von z.B. 40g im Vollkorncroissant nimmt, hat vollkommen recht. Denn die Faktoren könnten auch 0,075 oder 0,03 sein. Ich vermute, dass man hier die Kopfrechnungen einfach halten wollte. 40*0,075 klingt schon schwieriger als 4*0,75. Außerdem sind die Brot- oder Kohlenhydrateinheiten als Schätzeinheit gedacht. Hier scheinen kleine einheitliche Zahlen auch besser greifbar und vergleichbar zu sein.

So richtig durchgesetzt hat sich aber die Broteinheit als Standardwert nicht. Sie wurde daher 2010 wieder aus der Diätverordnung gestrichen. Die Hoffnung besteht, dass sich international die Kohlenhydrateinheit von 10g durchsetzt und Lebensmittel und vor allem Speisen in Restaurants entsprechend ausgewiesen werden müssen. Da im englischen Sprachraum wohl aber noch die carbohydrate unit mit 15g berechnet wird, scheint das noch auf sich warten zu lassen.

Photo by Louise Lyshøj on Unsplash

4 Kommentare zu „Die Broteinheit ist kein deutscher Exportschlager

  1. Ähem, sehr kompliziert, oder? Wenn ich schon 2x lesen muss, um diese Rechnerei nachvollziehen zu können, wie kommen da NOCH einfachere Gemüter klar ?! 🤔 Und echt jetzt, es gibt ein „deutsches Brotinstitut“? Wenn das nun mal nicht was speziell „Deutsches“ ist …. 🤓 herzlichen Gruß Alfred

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