Auf der Reise durch den Alltag eines Menschen mit Diabetes Typ 1

Im wahren Leben bin ich Produktmanager. Ich beschäftige mich unter anderem damit, welche Herausforderungen unsere Kunden in bestimmten Situationen zu meistern haben und wie wir sie dabei mit unserer App bestmöglich unterstützen können. Das Kundenerlebnis beginnt oft schon vor der eigentlichen App-Nutzung und endet nicht beim Abschalten des Smartphones. Eine sogenannte Customer Journey zeigt, welche Ereignisse ein Kunde durchlebt und wie er sich in dieser Situation zurechtfindet. Natürlich liegt die Frage nahe, welche Reise ein Mensch mit Diabetes tagtäglich begeht und welche Herausforderungen er dabei hat?

Eine weitere Methode aus meinem Arbeitsalltag hilft, das herauszufinden: Wir erschaffen uns eine Persona, also eine fiktive Person mit möglichst konkreten Beschreibungen, Eigenschaften und Herausforderungen. Wir denken uns immer wieder in diese Person hinein und finden so neue spannende Perspektiven auf ein vielleicht bekanntes Thema. Bevor ich mir aber eine fiktive Person ausdenke, starte ich einfach mit mir selbst.

Morgens:
Je nachdem, ob mich die Alarmfunktion meines Glukosemesssystems in der Nacht geweckt hat, bin ich mehr oder weniger schnell wach. Ich greife selten direkt zum Lesegerät, da das helle Display den Raum zu sehr erleuchten würde. Stattdessen stehe ich auf, trotte langsam ins Arbeitszimmer und greife zu meinem Smartphone, um die Werte der Nacht zu begutachten. Bevor ich mich komplett anziehe, spritze ich mir das Basal-Insulin in den Oberschenkel. Die erste Entscheidung des Tages: Wie viel spritze ich? Diese Entscheidung ist im Moment relativ einfach. Es sind bei mir i.d.R. zwei oder drei Einheiten. Stünden größere sportliche Anstrengungen an, würde ich es komplett weglassen. Angezogen am Frühstückstisch steht schon die zweite Entscheidung an. Abhängig davon, was ich esse, muss ich die Menge an Bolus-Insulin anpassen. Da es meistens die gleiche Anzahl an Broten oder am Wochenende auch mal das Vollkorncroissant ist, kenne ich die Menge, ohne rechnen zu müssen. Das Spritzen hat sich hier bereits zur Routine entwickelt und stimmt meistens.

Mittags:
Aktuell arbeite ich wegen Corona im Homeoffice. Hier passiert selten etwas Unvorhergesehenes, so dass der Blutzuckerwert rechtzeitig vor dem Mittagsessen wieder weit genug unten ist. Das Mittagessen ist dafür wesentlich variabler. Die nächste Entscheidung beschäftigt sich damit, welche und wie viele Kohlenhydrate oder Fette sich im Essen verstecken. Schätze ich die Inhaltsstoffe auf Basis meiner Erfahrungen aus der Vergangenheit oder wiege ich die einzelnen Komponenten ab? Das hängt davon ab, ob die Elemente gut abschätzbar sind. Zum Beispiel kann man Kroketten zählen. Pro Krokette schlägt eine halbe KE zu Buche. Pommes würde ich dagegen eher wiegen. Außerdem spielt es eine Rolle, ob die Komponenten separierbar sind. Beilagenkartoffeln lassen sich einfach wiegen, Kartoffeln in einem Eintopf eher weniger. Vor dem Mittagessen lohnt es sich auch etwas weitsichtiger zu planen. Gibt es ggf. noch einen Nachtisch oder steht ein anderer kleinerer Snack an, würde die Insulinmenge im Zweifel eher etwas größer ausfallen, als wenn ich danach noch unterwegs wäre.

durchschn. Glukosewerte über die letzten 60 Tage.

Abends:
Am Abend muss einem der Balanceakt zwischen Insulin und Kohlenhydraten besonders gut gelingen, vor allem wenn man spät isst. Mein Bolus-Insulin wirkt etwa vier-fünf Stunden. Gibt es erst gegen 19:00 oder 20:00 Uhr etwas zu essen, zieht die Wirkung in den Schlaf mit rein. Damit wir nicht nachts direkt wieder vom Alarm geweckt werden, sollte man vorsichtig mit dem Insulin umgehen oder kurz vor dem Schlafen vielleicht noch einen kleinen Snack zu sich nehmen. Hier habe ich noch Verbesserungspotenzial. Gerade wenn es kein Abendbrot, sondern vielleicht eine Pizza oder Nudeln sind, gehe ich mit zu hohen Werten in die Nacht, wie die Grafik der Durchschnittswerte der letzten zwei Monate gut zeigt.

Jede meiner Entscheidungen halte ich in einer App fest: die Menge der Kohlenhydrate, die gespritzten Insulineinheiten und größere sportliche Aktivitäten. Ich halte sie zusätzlich zu meinen Blutzuckerwerten fest, die ich aktuell rund 20 mal am Tag prüfe. Die Dokumentation hilft, sich kontinuierlich zu verbessern und nach und nach selbstbewusstere Entscheidungen treffen zu können.

Photo by UX Indonesia on Unsplash

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