Die goldenen Zwanziger der Diabetesbehandlung

Auch wenn ich bislang relativ nüchtern mit meiner Diagnose umging, so haben mich zwei, drei Themen doch zum Grübeln gebracht. Eines davon war der Tod. Um ein normales Leben führen zu können, braucht mein Körper externe Untersützung mit Insulin, das ich je nach Höhe meines Blutzuckerwertes spritze. Aber das kann ja so noch nicht immer in der Menschheitsgeschichte gewesen sein.

Diabetes bzw. die „Zuckerkrankheit“ konnte man wohl schon in den 1860er feststellen. Die Behandlung war aber gänzlich anders. Man erkannte, dass Kohlenhydrate die Werte nach oben trieben und ließ diese fast vollständig weg. Diabetiker ernährten sich von fettreichem Essen und Alkohol. Nährsalze wurden zusätzlich oral oder rektal verabreicht. Ein tägliches Dampfbad, Lebertran oder Brechwurzeln sollten ebenfalls die Symptome lindern. Trotz allen Bemühungen starben die Patienten nach wenigen Monaten.

Das änderte sich erst, als man Insulin mittels Glasspritzen unter die Haut bringen konnte. Und das war 1922 zum ersten Mal der Fall. Die Patienten spritzten das ausschließlich schnellwirksame Insulin direkt zum Essen, mehrmals am Tag. Knapp zehn Jahre später schaffte man es, Insuline mit verzögerter Wirkung herzustellen, so dass nun nur noch zweimal am Tag gespritzt werden musste. Allerdings wurde das teuer erkauft. Die Menschen mit Diabetes hatten einen strengen Spritz- und Essenszeitplan zu befolgen und zuckerlastige Nahrung wurde komplett verboten. Das lag auch daran, dass der Zuckerwert nur im Labor ermittelt werden konnte. Anfang des 20. Jahrhunderts brauchte man dafür noch knapp 250ml Blut.

Erst in den 1980er Jahren kam man wieder dazu zurück, mehrmals am Tag zu spritzen, da u.a. die Einwegspritze die komplizierte Glasspritze ablöste und Blutzucker mit einem Teststreifen zuhause gemessen werden konnte. Kurze Zeit später wurde der Insulinpen erfunden. In den 1990er verabschiedete man sich von größeren Einschränkungen in der Ernährung, solange entsprechende Insulindosen berechnet werden. Die moderne Insulintherapie nahm ihren Anfang.

Heute sagt mir das Smartphone meinen Zuckerwert und das 50 mal am Tag, wenn ich es möchte. Die 4mm langen und ultradünnen Spritzköpfe merkt man eigentlich gar nicht mehr und das Insulin ist in wenigen Sekunden gespritzt.

Vor 100 Jahren wäre ich tatsächlich nach wenigen Monaten gestorben. Das beschäftigt einen schon und macht einen dankbar, später geboren worden zu sein. Den Tod hätte ich damals mit 32 Jahren auch auf unzählige andere Arten und Krankheiten finden können. Allerdings hätte ich dann nicht meine letzten Wochen mit täglichem Saunieren, fettreichem Essen und viel Alkohol verbringen dürfen.

Quelle: https://www.diabetesde.org/150-jahre-diabetes-therapie-schnelldurchlauf
Photo by Marvin Meyer on Unsplash

4 Kommentare zu „Die goldenen Zwanziger der Diabetesbehandlung

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  1. Gude Christian, wieder eine sehr gut geschriebene und informative Blogfolge, die mich zugleich nachdenklich macht in verschiedener Hinsicht. Besonders kam mir in den Sinn, wie fundamental wichtig die Naturwissenschaften für unser Leben sind. Aber auch, wie tiefgründig die persönliche Frage nach den Abhängigkeiten von Leben und Tod und der Fragilität unserer Gesundheit ist. Und unvermittelt fällt mir auch (immer wieder) Woody Allen ein, der gesagt haben soll „Man muss Glück haben im Leben.“ Gruß Alfred

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  2. Glück im Unglück ist es wohl auch seine letzten Tage mit saunieren, fettreichem Essen und viel Alkohol verbringen zu dürfen!! Ein sehr amüsanter Artikel. Ich selbst bin seit 1983 Typ 1 Diabetiker und stelle fest: es wird immer einfacher! Sicherlich ist Diabetes auch heute noch kein Zuckerschlecken aber die Welt geht doch nicht unter wenn man sich wegen Lieferproblemen bei Abbot mal wieder ein paar Tage lang in den Finger pieken muss. Also stets bemüht die Mundwinkel hoch und den Hba1 unten zu halten,
    viele Grüße Thilo

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