Wenn Autofahren zur Geduldsprobe wird

Nach meiner Diagnose wurde mir zunächst vorübergehend die Fahrerlaubnis entzogen. Gerade in der Einstellungsphase kommt es öfter zu Unterzuckerungen und auch die Sehleistung kann eingeschränkt sein. Also ist das ein absolut vernünftiges Vorgehen. Wenige Wochen später gab mir meine Ärztin die Erlaubnis mit folgenden Richtlinien zurück:

  • Immer ausreichend schnell wirksame Kohlenhydrate (z.B. Traubenzucker oder Saft) greifbar haben, damit der Unterzuckerung rechtzeitig entgegengewirkt werden kann
  • Bei Unterzuckerungsanzeichen anhalten (notfalls auch auf dem Standstreifen) und entsprechende Kohlenhydrate essen
  • Bei sehr hohen entgleisten Werten niemals losfahren
  • Vor Fahrtantritt sollten weder weniger Kohlenhydrate als sonst gegessen, noch mehr Insulin gespritzt werden
  • Jeglicher Alkoholkonsum vor und während der Fahrt ist verboten
  • Am besten vor jeder Fahrt den Wert protokollieren, falls etwas passieren sollte

Am Dienstag sollte ich dann seit langem mal wieder kurz ins Büro. Etwa 20 min Autofahren, in 30 min im Büro den Schreibtisch freiräumen, damit in Zeiten von Corona der Platz flexibel genutzt werden könnte und 20 min wieder zurück. Das wären wohl die Zeiten bei einem Nicht-Diabetiker gewesen. Ich, der die Empfehlung hatte mit einem Wert von 150 mg/dl loszufahren, saß am Frühstückstisch und schaute auf mein Lesegerät. Ich bin mit ca. 100 mg/dl aus der Nacht gekommen, spritzte also weniger Insulin als sonst, aß etwas mehr an Kohlenhydraten, aber der Wert wollte nicht schnell genug steigen. Ich entschloss mich also zum ersten Mal seit der Diagnose Saft zu trinken. Abgesehen davon, dass er mir mittlerweile absolut zu süß war, half er dann doch den Wert nach oben zu drücken und ich konnte losfahren.

Natürlich nahm ich mir eine Banane, ausreichend Traubenzucker und den Saft mit, denn ich wollte ja wieder nachhause kommen. Bei der Zeit im Büro hielt ich mich an den Zeitplan und saß etwa eine halbe Stunde später wieder im Auto und überprüfte dort meine Wert. Ich stellte mit Erschrecken fest: 81 mg/dl FALLEND. Ich aß vier Traubenzucker und die Banane, trank den restlichen Saft aus und wartete. Eigentlich startete in 30 min ein Meeting, an dem ich von zuhause aus teilnehmen wollte, aber mir wurde Minute für Minute klarer, dass das unrealistisch ist. Ich nahm also mein Diensthandy und arbeitete im „Auto-Office“. Die halbe Stunde war schnell vorbei, das Meeting nicht.

Als meine Werte wieder ok-hoch waren, fuhr ich nachhause. Am Abend hatte ich einen Arzt-Termin, ich wollte mit dem Auto fahren. Dasselbe Spiel begann von vorne, aber Gott sei Dank hatte ich auf dem Heimweg einen Wert von 151 mg/dl. In der Diabetes-Schulung wurde der Wert von 150 mg/dl etwas relativiert. Ich brauche stabile oder leicht steigende Werte im Normbereich und sollte diese durch meinen Sensor im Blick haben, dann bräuchte ich keinen so großen Puffer.

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