Diabetes macht in der Elternzeit keine Pause

Etwa anderthalb Jahre schrieb ich jeden Sonntag zuverlässig einen Artikel über mein Leben mit Diabetes. In den letzten zwei Monaten kam überhaupt kein Artikel mehr von mir. Ich lag aber keinesfalls auf der faulen Haut, sondern wollte in einer 2-monatigen Elternzeit möglichst viel Zeit mit meiner Tochter und Frau verbringen. Aber eines ist sicher: Der Diabetes hat keine Pause gemacht.

In der Elternzeit wagten wir uns immer weiter aus unserem Corona-Neugeborenen-Kokon. Nach einem mehrwöchigen, aber aus Diabetessicht erfreulich unaufgeregten Urlaub, waren wir zu einer feierlichen, mehrfach verschobenen Verabschiedung mit etwa 100 Personen eingeladen. Es war die erste Veranstaltung dieser Art seit Coronabeginn und natürlich musste mein Glucose-Sensor genau an diesem Abend seine zweiwöchige Lebenszeit regulär beenden.

Normalerweise hätte ich den Sensor eigenständig ein paar Stunden vorher beendet, damit er über die gesamte Feier einsatzbereit ist. Allerdings hatte ich kurze Zeit vorher schlechte Erfahrungen mit einem vorzeitigen Abbruch gesammelt. Nachdem ich den vorherigen Sensor nur wenige Minuten vor Ablauf ausgetauscht hatte, spielte die App verrückt. Die 60-minütige Aufwärmzeit des Sensors mündete in weiteren 60 Minuten und weiteren und weiteren. Die einzige Antwort der Support-Hotline von Abbott war, mir einen neuen Sensor zu schicken. Nach fast einem Tag ohne Werte und drei mehr als aufgewärmten Sensoren im Arm, entschloss ich mich die App neu zu installieren. Der nächste Sensor ließ sich dann erfolgreich starten und ich konnte herunterfahren. Tatsächlich hat diese Situation doch sehr auf meine Stimmung geschlagen. Sie hat aufgezeigt, wie abhängig ein funktionierender Alltag von funktionierender Technik ist.

Ich kam zu der Veranstaltung also mit einem Sensor im linken Arm, der nur noch eine Stunde aktiv war und einem schon gesetzten, aber noch nicht gestartetem Sensor im rechten Arm. Trotz 2G-Regeln und einer sehr geräumigen Stadthalle fühlte sich die Normalität unter so vielen Menschen erschreckend ungewohnt an. Nach vielen schönen Worten und etwas Livemusik, wurde das Buffet eröffnet. Mein alter Sensor hatte sich mittlerweile verabschiedet und ich startete das Essen, wie soll es anders sein, mit einer 60-minütigen Aufwärmphase. Eigentlich sollte der Sensor ja warm genug sein, denn er war mittlerweile schon mehr als zwei Stunden in meinem Arm.

Mit anderthalb Jahren Diabeteserfahrung traute ich mir zu, mich im Blindflug durch das Buffet zu essen. Ich spritzte zwei Einheiten nach dem Motto „lieber etwas zu hohe Werte“ und fing an zu essen. Nach diversen Laugenbrötchen, Baguetteschnitten, Couscous-Salat und alkoholfreiem Bier wurde ich eines Besseren belehrt. Als ich das nächste Mal den Wert bestimmen konnte, hatte ich einen Wert von 281 mg/dl. Das war der höchste Wert seit meiner Diagnose – Mist. Ich packte den Insulinpen aus und legte ordentlich nach.

Das Auf und Ab überforderte den frischen Sensor offensichtlich direkt. Kurz vor dem Schlafen weigerte er sich, Werte anzuzeigen und zeigte nur den typischen Fehler „Sensorfehler, bitte messen sie in 10 min erneut.“. Als ich stattdessen blutig messen wollte, ging der Akku vom Lesegerät erstmalig leer. Ich schlich durch die Wohnung, um ein passendes Ladegerät zu suchen, denn der Rest der Familie schlief. Erst nach längerem erfolglosem Laden stellte ich fest, dass das Lesegerät trotz Micro-USB-Anschluss nicht geladen werden konnte. Es läuft mit Batterien. Und das musste ich nach 1,5 Jahren so erfahren. Passende Batterien hatte ich an dem Abend natürlich keine parat.

Bis der Sensor wieder Messwerte anzeigte, hielt ich mich mit einer Polittalk-Sendung wach. Christian Lindner sprach zu möglichen Koalitionen. Ich musste an die gescheiterte Jamaika-Koalition von 2017 denken und fragte mich, warum auch der Sensor-Hersteller Abbott nach dem Motto „Es ist besser keine Werte anzuzeigen, als falsche Werte anzuzeigen“ (frei nach Lindner) aufgestellt ist. Mir persönlich wäre es lieber, wenn auch in der Aufwärmphase Werte zu sehen sind und man wenigstens weiß, wie es grob um einen steht.

Photo by Benjamin Brunner on Unsplash

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