Der Tod und der Diabetiker – Motivierende Gedanken

Als ich mit 32 Jahren die Diagnose Diabetes Typ-1 bekam, bin ich mit Blutzuckerwerten über 600 mg/dl ins Krankenhaus gekommen. Durch den länger anhaltenden Insulinmangel fehlte meinem Körper Energie und er fing an, ersatzweise Fette zu verwerten. Dabei entstehen Ketone, die den Körper übersäuern und unbehandelt zwangsläufig zu einer komatösen, lebensbedrohlichen Ketoazidose führen.

Wer glaubt, dass Low-Carb-Essen und viel Sport die Werte in diesem Zustand schon nach unten bringen würden, irrt gewaltig. Durch sportliche Aktivität benötigt der Körper nur noch mehr Energie, so dass noch mehr Ketone entstehen. Es ist ein Teufelskreis. Ohne Insulin muss ein Typ-1-Diabetiker sterben. Ohne die medizinische Errungenschaft der Insulin-Herstellung hätte ich vielleicht diesen Artikel hier nicht schreiben können. Ich hätte meine Tochter nicht aufwachsen sehen, vielleicht sogar gar nicht kennengelernt. Dieser Gedanke setzte mir anfangs zu.

Aber noch vor weniger als 200 Jahren starb der durchschnittliche Mann mit 35 Jahren, also unwesentlich älter als ich jetzt bin. Die Mehrheit von uns allen verlängert ihr Leben daher durch medizinische, hygienische und ernährungstechnische Verbesserungen. Impfungen, Tabletten oder chirurgische Eingriffe werden als notwendig und normal hingenommen. Bei mir ist die Insulinspritze ab sofort das neue Normal. Eine Spritze, die mir die Chance gibt, Lebenserwartungen des 21. Jahrhunderts zu erreichen.

Als Jugendlicher war es mein Ziel, mit 100 Jahren noch an der Tischtennisplatte zu stehen und um Senioren-Titel zu spielen. Ich hatte die Hoffnung, dass die Konkurrenz für mich als eher mittelguter Spieler dann vielleicht nicht mehr ganz so stark ist. Sind das nach wie vor realistische Ziele? Fragt man das Internet, begegnen einem erschreckende Zahlen. Für Diabetiker werden 10-15 Jahre an Lebenserwartung abgezogen. Fragt man seinen behandelnden Arzt, was immer die bessere Wahl ist, ist man mit gesunden Werten quasi gesund. Das ist eigentlich auch logisch, denn weniger der Diabetes als solcher, sondern viel mehr die Folgekrankheiten verursachen die frühere Sterblichkeit. Folgekrankheiten, die auf zu hohe Blutzuckerwerte zurückzuführen sind.

Dadurch, dass ich mir meiner Krankheit bewusst bin, sie akzeptiere und einen Sensor trage, kann ich meine Werte aktuell gut im Zielbereich halten. Sollte ich das weiterhin so schaffen, stelle ich die These auf, dass ich durch den Diabetes sogar länger lebe. Ich ernähre mich deutlich gesünder. Meistens ist es das schlechte Essen, das die Werte unkontrollierbar beeinflusst. Ich trinke daher z.B. keine Cola mehr, wenig Alkohol und überesse mich selten. Süßigkeiten wurden durch Nüsse ersetzt und Vollkorn und Dinkelmehl-Produkte stehen höher im Kurs. Auch lasse ich zwangsläufig einmal pro Quartal meine Blutwerte untersuchen und konnte so schon zu niedrige Vitamin-D-Werte feststellen und gegensteuern. Vorher war ich so gut wie nie beim Arzt, entsprechend wäre das vermutlich auch nie aufgefallen.

Ich würde sagen, das Ziel, mit 100 Jahren aktiv zu sein, ist realistischer denn je. Ich werde jeden Tag bis dahin genießen, denn es sind Bonustage, die ich der Wissenschaft zu verdanken habe.

Photo by Linford Miles on Unsplash

2 Kommentare zu „Der Tod und der Diabetiker – Motivierende Gedanken

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  1. Sehr schöner Beitrag den du da teilst. Danke dafür. Die Einstellung habe ich mir auch schon so überlegt, in den ersten Wochen, nach meiner noch sehr kurzfristigen Diagnose Typ 1. Alles andere macht langfristig auch keinen Sinn.

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  2. Alles gut und richtig, Bewegung und gute Ernährung sind eine gute Basis, um auch mit Diabetes alt zu werden. Was ich behandeln muß, ist ein Bluthochdruck, der gefährlich allgemein ist und insbesondere für die Niere.

    Grüße

    Rüdiger

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