Sport ist Mord? Bei Diabetes Typ-1 die richtigen Maßnahmen treffen

Das neue Jahr wurde gerade eingeläutet und entsprechend sind die guten Vorsätze wieder hoch im Kurs. Ums Abnehmen oder die Ernährung muss ich mir aktuell keine Gedanken machen, hier hat das vergangene Jahr schon ganze Arbeit geleistet und mich gut eingestellt. Auch der Alkoholkonsum wurde deutlich nach unten geschraubt und geraucht habe ich ohnehin noch nie. Doch sportlich ist es in den letzten Monaten arg ruhig geworden. Seitdem ich Insulin spritze, hat der Schweinehund Gesellschaft bekommen. Der Unterzucker-Uhu sitzt quasi auf der anderen Schulter und zwitschert mir ins Ohr, dass Sport auf einmal gefährlich für mich sein könnte.

Der Uhu hat nicht ganz unrecht. Dadurch, dass der Körper bei Diabetes Typ-1 den Insulinspiegel nicht mehr alleine steuern kann und Insulin von außen zugeführt werden muss, kann es zu Fehleinschätzungen kommen. Gerade wenn man Sport macht und der Körper viele Kohlenhydrate verbraucht, kann zu viel Insulin zu einer Unterzuckerung führen. In extremen Fällen ist man dann nicht mehr Herr seiner Sinne, was bei Sportarten wie Klettern oder Fallschirmspringen einen schlimmen Ausgang nehmen kann. Aber auch Joggen im Wald kann so durchaus zur Lebensgefahr werden.

Dabei ist Sport gerade für Menschen mit Diabetes wichtig und sorgt sogar für eine spürbar längere Lebenserwartung. Wie für gesunde Menschen wird empfohlen, ca. 150 min Sport in der Woche zu machen und nicht allzu lange dazwischen zu pausieren. Außerdem ist eine Mischung aus Kraft- und Ausdauersport am besten. Aber wie schafft man den Spagat, neben dem Fitnesslevel auch noch Insulin- und Blutzuckerspiegel im Blick zu halten?

Hier helfen CGM-Systeme. Dadurch, dass der Körper mittels Sensor am Arm ständig überwacht werden kann und Trendpfeile Prognosen für den weiteren Verlauf aufzeigen, kann der Sportler frühzeitig und sogar prophylaktisch Maßnahmen ergreifen. Dazu publizierte Prof. Dr. Othmar Moser mit einem großen Team aus Wissenschaftlern passend vor Weihnachten ein Paper. Es empfiehlt je nach sportlichen Voraussetzungen und Situation die Zufuhr von Kohlenhydraten, das Pausieren oder sogar Beenden der Übung, wenn bestimmte Werte über- oder unterschritten werden.

(!) Da ich kein Arzt bin und das Paper in diesem Artikel nur für mich und meine Situation interpretiere, empfehle ich Leidensgenossen, die Studie am besten im Original zu lesen: Glucose management for exercise using continuous glucose monitoring (CGM) and intermittently scanned CGM (isCGM) systems in type 1 diabetes.

Moser unterteilt die sportwilligen, erwachsenen Diabetiker in drei Gruppen, die natürlich fließend in einander übergehen:

  • Gruppe A macht wenig bis keinen Sport und/oder hat ein hohes Risiko für Unterzuckerungen. Personen dieser Gruppe sind mehr als 8% der Zeit unter 70 mg/dl.
  • Gruppe B macht hin und wieder Sport (1-2 mal pro Woche á 45 min) und hat ein entsprechend moderates Unterzuckerungsrisiko (4-8% der Zeit unter 70 mg/dl).
  • Gruppe C ist die sportlichste Gruppe (mehr als 2 mal pro Woche á 45 min). Sie hat mit unter 4% ein geringes Risiko zu unterzuckern.

Je nach dem welcher Gruppe man angehört, werden andere Grenzwerte für die Empfehlungen angesetzt. Obwohl ich nur etwa 1% der gemessenen Zeit in den vergangenen drei Monaten unter 70mg/dl war, stufe ich mich vorerst mangels sportlicher Regelmäßigkeit in Gruppe B ein und verwende im folgenden die Grenzwerte dieser Gruppe.

Vor der Sporteinheit

Anders als bei gesunden Sportlern bedarf es einer vorausschauenden Vorbereitung. Schon vor dem Sport muss die Entscheidungen getroffen werden, ob und wann es überhaupt losgehen kann. Der Blutzuckerspiegel muss in einer bestimmten Spanne sein, um starten zu können. Außerdem spielt der Trendpfeil im Messgerät und die durch eigene Erfahrungen erwartete Änderung eine entscheidende Rolle.

Diabetes Typ-1 Empfehlung vor Sport
Empfehlungen vor der Sporteinheit für Gruppe B

Ist kein Insulin mehr im Umlauf, behilft sich der Körper mit der Verbrennung von Fetten, um den Muskel mit Energie zu versorgen. Wird ein Grenzwert von 1,5 mmol/l überschritten, wird es gefährlich. Es kann zu einer Ketoazidose kommen. Würde man jetzt mit sportlicher Aktivität beginnen, würde es nur schlimmer werden. Insulinnotfallmaßnahmen sind einzuleiten. Da ich nicht immer die Möglichkeit habe, Ketone zu messen, entscheide ich mich dazu, generell über 270 mg/dl keinen Sport zu machen.

Je niedriger der Blutzucker vor dem Sport ist, desto eher und mehr Kohlenhydrate sollten als Puffer eingenommen werden. Idealerweise wartet man dann auch bis sich die Werte und der Trendpfeil im gewünschten Bereich bewegen, bevor man die Sporteinheit startet.

Während DER SPORTEINHEIT

Durch CGM-Systeme wie es das Freestyle Libre 2 ist, kann man auch während der Sporteinheit die Werte im Blick behalten und muss sich nicht ständig in den schwitzigen Finger pieksen. Zwar können sogar Alarme auf Unter- oder Überschreitung bestimmter Werte aufmerksam machen, allerdings ist hier der höchstmögliche Schwellenwert für Unterzuckerung 100 mg/dl. Ich würde mir wünschen, dass das von Abbott frei einstellbar ausgeliefert wird und/oder die Werte auf der Smartwatch auslesbar wären. So könnte man frühzeitig gegensteuern, ohne das Lesegerät die ganze Zeit in der Hand halten zu müssen. Je nach dem wie die Werte und Trendpfeile sind, sollten unterschiedlich viele Kohlenhydrate zugeführt werden. Auch kann es vorkommen, dass Insulin gespritzt werden muss. Ich würde dann vermutlich vorerst nicht mit dem Sport weitermachen.

Diabetes Typ-1 Empfehlung während des Sports
Empfehlungen während der Sporteinheit für Gruppe B

Auch wenn es beim Joggen oder während eines Wettkampfes mal nervig sein kann: Wenn der Blutzucker unter 70 mg/dl fällt, sollte in jedem Fall pausiert werden bis sich der Trendpfeil wieder dreht und/oder die Werte sich im Bereich >90 mg/dl bewegen.

Nach der Sporteinheit

Nach dem Sport ist der Kontrollwahn noch nicht vorbei. Bewegen sich die Werte in den ersten 90 Minuten danach unter 90 mg/dl, sollte mit Kohlenhydraten nachgesteuert werden. Der Muskelauffülleffekt lässt hier grüßen. Er bereitet die leer gesportelten Muskeln auf den nächsten Einsatz vor. Nach weiteren 30 Minuten sollte die Anpassung nochmal überprüft werden.

Diabetes Typ-1 Empfehlung nach Sport
Empfehlungen nach der Sporteinheit für Gruppe B

Die Nachwirkungen können sich noch 6-15 Stunden nach dem Sport zeigen. Vor allem wenn man nachmittags oder abends aktiv war, sollte man den CGM-Alarm mindestens auf 80 mg/dl stellen, um noch genügend Zeit für nächtliche Maßnahmen zu haben.

Download

Damit man die Tabelle für die eigene Gruppe übersichtlich für den Sport parat liegen hat, habe ich sie zum Ausdrucken als PDF zusammengefasst. Ich wiederhole hier den Hinweis, dass ich kein Arzt und nicht frei von Fehlern bin. Therapie-Anpassungen sollten gerade in Zusammenhang mit Sport mit dem Diabetologen besprochen werden.

Gruppe A
wenig bis kein Sport und mehr als 8% der Zeit unter 70 mg/dl.
Download
Gruppe B
1-2 mal pro Woche á 45 min Sport und 4-8% der Zeit unter 70 mg/dl
Download
Gruppe C
>2 mal pro Woche á 45 min Sport und <4% der Zeit unter 70 mg/dl
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Photo by Alexandr Podvalny on Unsplash

Ein Kommentar zu „Sport ist Mord? Bei Diabetes Typ-1 die richtigen Maßnahmen treffen

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  1. Ein extrem hilfreicher Beitrag. Dass schaue ich mir mal genauer an, da mich das Thema körperliche Ertüchtigung und Spritzen von Insulin noch vor Herausforderungen stellt. Danke dir.

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